15-Minuten-Fearporn für Autofahrer

Aktuell kann ich X ja nur noch via Nitter verfolgen. Auf Musks fragwürdiger Plattform hatte ich ab und an versucht, im vermeintlich „kritischen“ Teil der Bevölkerung, welcher zumindest nicht auf den Corona-Bullshit reingefallen war, Zweifel an den regelmäßigen Horrorgeschichten zu wecken, die auch in diesen Kreisen immer wieder die Runde machten. Eines der „alternativen“ Triggerworte ist hierbei die „15-Minuten-Stadt“. Die Erwähnung dieses Begriffs löst bei eingefleischten Automobilisten eine ganze Kaskade von Horrorbildern im Kopf aus. Warum, habe ich nie verstanden, denn ich habe über all die Jahre keinen einzigen fundierten Artikel zu diesem Thema gelesen. Die Fakten geben das nämlich auch nicht her.

Es fängt schon damit an, dass der Begriff „15-Minuten-Stadt“ nicht etwa der Hexenküche der Sprachingenieure des WEF entsprungen ist, sondern ein fast schon uraltes städteplanerisches Konzept ist. Mit dem Begriff soll lediglich das Ziel benannt werden, die Verkehrswege einer Stadt so zu konzipieren, dass alle alltäglichen Wege innerhalb von 15 Minuten bewältigt werden können. Ob nun mit dem Auto, Rad, zu Fuß, der Bahn, U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahn et cetera.

Der Wahnwitz an diesem regelmäßigen Empörungsritual besteht auch darin, dass die allermeisten bereits in einer „15-Minuten-Stadt“ leben, ohne es zu bemerken. Was sie ebenfalls nicht bemerken, ist die Unnatürlichkeit dieser Massenmenschhaltung, die sie sogar in aller Regel fanatisch verteidigen.

In den „alternativen“ Angstfabriken (und keine andere Funktion hat ein Großteil der „alternativen Medien“) herrscht vor allem die Horrorvorstellung vor, mit dem Auto (welches für viele – nach jahrzehntelanger Propaganda – einen Inbegriff von „Freiheit“ darstellt), in Zukunft nur noch in einer extrem restriktiven Weise verkehren zu dürfen.

Man meint zum Beispiel, man dürfe sich ganz allgemein nicht mehr als 15 Minuten von seiner Wohnung entfernen. Das ist in keinem noch so finsteren Konzept in irgendeiner Form vorgesehen. Und wird auch nirgends so gehandhabt. Mal ganz davon abgesehen, dass es straßenverkehrsrechtlich in Deutschland überhaupt nicht zulässig wäre.

Norbert Häring hatte ich über die Corona-Jahre eigentlich sehr geschätzt. Bis er mich auf X blockte, nachdem ich seine Panikmache hinsichtlich der nachträglichen Nutzung von Dashcam-Aufnahmen in Großbritannien kritisiert und mich mit einem Auto-Troll gestritten hatte. Aktuell muss er wohl wieder irgendeinen Panik-Artikel über das Thema Mobilität geschrieben haben, denn er wurde von Henning Rosenbusch, der bzgl. des Themas Automobilität leider ebenfalls zu keinerlei kritischer Betrachtungsweise fähig ist, geteilt.

„Die Einwohner müssen Lizenzen beantragen, die es ihnen erlauben, ihren Sektor an 100 Tagen im Jahr mit dem Auto in Richtung eines oder mehrerer anderer Sektoren zu verlassen. Dafür stehen ihnen insgesamt sechs Verkehrsfilter in der Stadt zur Verfügung.“

Uhuhuhu! Das klingt ja richtig gruselig! Fast schon dystopisch! Ich halte von der „KI“ ja wirklich nicht viel, aber „Grok“ widerlegt die Panikmache relativ trocken. Es geht hier überhaupt nicht um eine allgemeine Mobilitätseinschränkung, sondern um eine Reduzierung des Kfz-Verkehrs in gewissen Bereichen. Das gab es schon immer – wenn auch viel zu selten.

2019 berichtete ich zum Beispiel über eine (tatsächlich auch rechtlich sehr fragwürdige) Maßnahme der Stadt Wörth, die den vor der Rheinbrücke gelegenen Ort Maximiliansau vor allem in den Stoßzeiten faktisch komplett abriegelte. Ich wollte all die Jahre eigentlich auch Beiträge darüber schreiben, dass auch die Abstufungen ehemaliger Ortsdurchfahrten im Kreis Germersheim straßenrechtlich rechtswidrig gewesen sind. Ja, ich hätte damit sogar am Ende den Autofahrern geholfen, die sich für meine Probleme an der B 10 allerdings bis heute auch nur einen feuchten Scheißdreck interessieren.

Man beachte jedenfalls auch die Reaktionen anderer Nutzer unter Hennings Post. Ähnlich hysterisch klangen Anfang 2020 in meinen Ohren auch die Zeugen Coronas. Ich lasse mir gerne den Vorwurf gefallen, ich würde hier Härings Beitrag ohne Kenntnis über das, was er nun tatsächlich geschrieben hat, beurteilen. Aber Menschen, die mich ohne jeden Diskurs blocken, lese und verlinke ich auch nicht mehr.

Es reicht mir, das zu beurteilen, was sie überhaupt an Themen aufgreifen bzw. welche Ängste sie bedienen. Häring, der eigentlich auch gar kein Freund neoliberaler oder libertärer Ideologien ist, bereitet mit seiner pauschalen Ablehnung jeglicher Einschränkung des Kfz-Verkehrs gerade jenen das Feld. Er differenziert aus seiner Windschutzscheibenperspektive heraus überhaupt nicht, sondern schlägt in nackter Panik wahllos um sich; sieht in jeder Einschränkung des Kfz-Verkehrs einen elementaren Angriff auf die „Freiheit“.

Das einzige, was man vielleicht an dem von Häring geschilderten Fall kritisieren könnte, wäre die Implementierung technokratischer bzw. automatisierter Kontrollinstrumente. Doch auch hierbei müsste man halt allgemein mal eine Diskussion darüber führen, ob die grenzenlose Herrschaft des Automobils vor allem in dicht besiedelten Gebieten weiterhin wünschenswert ist? Nein. Genau diese Frage darf im angeblich „kritischen“ Spektrum nicht gestellt werden. Was auch in Wahrheit der Grund ist, warum mich Volker Birk nicht mehr liest und auch nicht mehr verlinkt. Und warum auch jemand wie Rasmus Richter sich zu Fahrradthemen bei X kaum noch oder nur sehr verhalten äußert.

Was mich nebenbei auch im Hinblick auf das Thema „Grenzen“ fast schon amüsiert, sind die panischen Reaktionen hinsichtlich des Begriffs „Sektoren“. Ich hatte es in meinem Beitrag im Jahre 2023 bereits angemerkt: Ich halte es für eine unfassbare Heuchelei, auf der einen Seite genau die Art von autoritär-militaristischem Polizeistaat zu begrüßen, welcher gerade in den USA seine eigenen Bürger kaltblütig abknallt, um jene angeblich vor „illegalen Einwanderern“ zu „schützen“. Man kann nicht auf der einen Seite auf „Grenzen“ und deren „Kontrollen“ pochen, aber andererseits meinen, man habe dann selbst ebenfalls ein unbegrenztes(!) Recht, andere Grenzen (und die zum nächsten Landkreis ist eben auch eine) zu überqueren.

Mit der Realität haben diese Horrorszenarien sowieso nichts zu tun. Nicht nur hier auf dem Land, wo auch weiterhin für den Kfz-Verkehr eine illegale Umleitung nach der anderen eingerichtet wird. Was viele Menschen nicht verstehen wollen, ist, dass nicht nur „die anderen“ anfällig für Angst- und Panikmache sind. Bei wem die Mainstream-Angstmache versagt, für den hat man (über Bande – in Gestalt „alternativer“ Medien) andere Geschmacksrichtungen im Angebot. Für jeden ist etwas dabei.

Und egal, welchem Erlöser ihr am Ende auch folgen mögt: Ihr landet immer in der Falle! Während Corona hatte ich zu diesem Thema auch einen metaphorischen Beitrag über Ramsay Bolton geschrieben; einer Figur aus Game of Thrones. Ramsay erlangte das Vertrauen des als Geisel gehaltenen Theon Graufreud. Er befreite ihn aus seinem Gefängnis. Nur, um ihn, nachdem er die von ihm gewünschten Informationen erhalten hatte, am Ende genau dorthin zurück zu führen. Und ihm die Eier abzuschneiden.

Man wird auch euch die Eier abschneiden. Aber sicher nicht dadurch, dass man euch euer Auto wegnimmt bzw. euch eure Automobilität in einer nennenswerten Weise einschränken wird. Ein Schritt, dies zu verstehen, wäre, sich zu vergegenwärtigen, dass das „Auto“ noch niemals eurer „Freiheit“ zu dienen bestimmt war. Genauso wenig wie euer „Smartphone“. Welches ihr 24/7 mit euch herumschleppt. Und euch auf Plattformen wie X über „Überwachung“ aufregt.


Nachtrag

Passend zu meiner Anmerkung hinsichtlich Volker Birk ist dieser sich nicht zu schade, Härings übertriebenen Blödsinn auch noch in einer verschärfenden Weise zu kommentieren.


Siehe auch

„Verkehrswende“ in der Provinz

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