Fünf Jahre ist es bereits her, als ich den ersten Murmeltier-Beitrag verfasst hatte. Inmitten des Corona-Terrors feierte ich meinen 39. Geburtstag. Und ausnahmsweise waren im Vorgänger-Blog sogar ein paar Menschen um mich herum, denen das, was ich schrieb, gefiel. Die mir das Gefühl vermittelten, als Mensch etwas „wert“ zu sein. Das war wohl von allen Seiten her ein großes Missverständnis, denn keine drei Jahre später waren quasi alle wieder weg. Meine Verzweiflung in diesen Jahren basierte vor allem auch auf der sich am Ende bewahrheitenden Befürchtung, wieder einmal im Stich gelassen zu werden; wieder nicht „dazuzugehören“. Auch in dieser Hinsicht fühle ich mich eben schon mein ganzes Leben lang wie Phil Connors (Bull Murray): Alles wiederholt sich. Nichts wird besser. Und einen Ausweg aus dieser endlosen Schleife des Versagens gibt es auch keinen.
Geblieben ist eigentlich nur einer. Der damals in Zweibrücken neben mir am Lagerfeuer der Hoffnung saß, nachdem er sich von einem anderen Corona-Bekannten, mit dem ich es mir bereits Anfang 2022 dauerhaft verscherzte, überreden ließ, doch mal unter kritische Leute zu gehen. Er setzte sich dann irgendwann neben diesen seltsamen Radfahrer und erzählte ihm, dass er beim Steuerberater arbeitet. Ich musste lachen. Ein erfolgreicher Steuerfachangestellter sitzt neben einem versagt habenden Möchtegern-Finanzbeamten.
Ich halte es für ziemlich wahrscheinlich, dass wir die erbittertsten Feinde geworden wären, wenn ich denn damals an der FH in Edenkoben einfach das getan hätte, was man von mir verlangt. Jeden Tag nach der Druckbetankung im Rahmen des Frontalunterrichts an der FH noch schlappe 3 bis 4 Stunden Steuerrecht büffeln. Das sah ich aber nicht ein. Es war es mir nicht wert. Denn es hätte mich verändert; zu genau der Art von Bürokraten-Arschloch werden lassen, welches meine Studienkollegen (und vor allem -innen) schon damals waren: Karrieristen ohne Gewissen. Sie mobbten mich meist passiv, ab und zu auch aktiv.
Während Corona habe ich oft in zahlreichen Beiträgen darüber geschrieben. Als Dank dafür machten sich meine „Bloggerkollegen“ und Kommentatoren hinterher noch über mich lustig. Aus der örtlichen „Denkfabrik“, wie sich die coronakritische Gruppierung selbst heute noch nennt, wurde ich ebenfalls von den beiden autoritären und vollkommen kritikunfähigen Anführerinnen rausgemobbt. Interessiert hatte sich dort für mein Geschreibsel und mich als Mensch aber eh niemand. Der einzige, der den Schrott hier noch liest, ist der „Klagesponsor“. Und er ist auch der einzige Grund, warum es mich und diesen Blog noch gibt.
Auch wenn wir unsere Differenzen haben. Denn er entstammt einer anderen Welt. Materielle Sorgen hatte er nie. Weder in der Kindheit, noch im späteren Leben. Er wird im Büro respektiert. Weil er fachlich was drauf hat. Auch wenn wir hin und wieder hinsichtlich der Fälle, über die er mir aus seinem Joballtag berichtet, auch nicht unbedingt immer der gleichen Meinung sind. Nein; es wäre sehr wahrscheinlich, dass er sich über mich regelmäßig genauso aufregen würde wie über den ein oder anderen „Kollegen“ im Amt, mit dem er es stattdessen zu tun hat. Oder wie ich, wenn ich mich über die Idioten und Ignoranten in den Straßenverkehrsbehörden, beim LBM oder in den Ministerien aufrege.
Auch politisch ticken wir vollkommen anders. Trotz der Lektüre meines Blogs und den unzähligen Gesprächen, die wir unterwegs oder am Schöntalweiher geführt haben, kommt nix von meiner systemischen Kritik bei ihm an. Er kreuzt Parteien an, bei denen ich anderen wünsche, dass ihnen die Hand abfaulen möge. Außerdem verteidigt er relativ unkritisch das kapitalistische System, welches mich im wahrsten Sinne des Wortes aufgrund meiner Weigerung, mich nur ob meiner Existenzerhaltung ausbeuten zu lassen, aushungert. Und auch meinen Menschenhass möchte er überhaupt nicht teilen. Selbst wenn mich diese ignorante Scheißgesellschaft in absehbarer Zeit auf irgendeine Weise umbringen wird.
Er redet auch nicht viel. Unsere Unterhaltungen sind meistens Monologe meinerseits. Während ich Steuerrechtsversager ständig meinen unqualifizierten Senf zu seinen Fällen abgebe, erhalte ich von ihm auf meine verkehrsrechtlichen Ausführungen in der Regel keine Reaktionen. Dabei fährt er selbst Auto und Rad. Ist als Läufer / Fußgänger genauso von dem, was auf den Straßen geschieht, betroffen wie ich. Er hat aber zu all dem keine Meinung. Auch nicht zu den regelmäßig auf mich verübten Mordanschlägen draußen auf der Straße; selbst dann, wenn er es selbst hautnah miterleben muss.
Was uns wohl am ehesten vereint, ist die Freude am Sport. Während ich quasi nur Radfahren kann, kann er fast alles. Er dreht auch immer noch gerne die ein oder andere (legendäre) Tour mit mir und schlägt sich für einen Anfänger mehr als gut. Aber eine wirkliche Liebe zum Radfahren wird er in diesem Leben leider auch nicht mehr entwickeln. Tagestouren mit ihm im Schwarzwald oder den Vogesen sind (seinerseits) undenkbar; erst recht Etappenreisen oder ein Kurzurlaub zum Pässefahren in den Alpen. Ist nicht seins. Es wäre ja eine Veränderung. Er mag aber keine Veränderungen.
Sein Beharren darauf, dass der Mensch „im Grunde gut“ sei, hat meines Erachtens sehr viel mit Verleugnung und Verdrängung zu tun. Während ich mich seit jeher an einer durchweg kranken, von einer komplett degenerierten Spezies gebildeten „Gesellschaft“ abarbeite – und an jener verzweifle bzw. qualvoll krepiere, ist er eigentlich vollkommen passiv. Er rennt täglich im Hamsterrad, akzeptiert gemessen an seinem Wert mehr als bescheidene Arbeitsbedingungen – und wird das auch bis zur Rente durchziehen. Etwas anderes will er in Wahrheit nämlich auch nicht. Während ich mir eine Revolution erhoffe bzw. jene durch meine aktive Verweigerung selbst in die Wege leiten möchte, will er (konservativ, wie er nun mal ist) einfach nur, dass alles so bleibt wie es ist.
Aus diesem Menschenbild resultieren dann eben auch grundlegend andere philosophische Sichtweisen im Hinblick auf diese Gesellschaft und die individuelle Art und Weise, mit all dem Irrsinn in der Welt irgendwie zurechtzukommen. Vor einigen Wochen schockierte er mich regelrecht mit der Ankündigung, er wolle sich zwei Vorträge in der „Denkfabrik“ ansehen. Einer würde sich um das Thema „Positives Denken“ drehen. Ich fühlte mich einmal mehr wie der erfolgloseste Morpheus aller Zeiten. Nichts von dem, was ich darüber geschrieben oder worüber ich mich mit ihm unterhalten hatte, hat ihn auch nur im Mindesten beeindruckt. Nein, auch er glaubt im Endeffekt daran, dass die Kinder, die Israel am 31. Januar bei einem Bombenangriff auf ein Flüchtlingslager im Gazastreifen abgeschlachtet hat, nur nicht „positiv“ genug gedacht haben?
Er ist da ganz wie Helene. Helene war damals mein größter Fan. Zumindest während der besonders schlimmen Phase bis Frühjahr 2022. Dann kühlte sich unser fast schon freundschaftliches Verhältnis allmählich ab. Sie nahm Anfang 2024 immerhin noch meine Einladung an, ab und zu in meinen nun nur noch privaten Blog reinzuschauen. Am 14. Februar hinterließ sie in einem Beitrag über die Schillerstraße einen ihrer letzten Kommentare:
Und ich, lieber Dennis, wünsche Dir, daß dieser Wunsch in Erfüllung geht!
Möge aus welch unerfindlichem Grund auch immer irgendwo dort, wo Deine Mail hingegangen ist, das ganze in den Händen von jemandem landen, der dafür sorgt, daß Dir genau das angeboten wird!
🙂(Du mußt aber auch daran glauben bzw. diesem Wunsch die Möglichkeit geben, Wirklichkeit zu werden. Also bitte nicht gleich mit negativen Gedanken und Worten blockieren!!!!!!!)
Die abschließende Klammer machte den netten Wunsch vollkommen zunichte! Gerade ihrerseits empfand ich diese Anmerkung gerade auch angesichts dessen, was uns(!) in den Jahren davor geschehen war und was mir auch hinterher weiterhin angetan wurde, als Pervertierung der Realität. Und als vollkommen einseitige Schuldzuweisung. ICH bin also schuld daran, dass ich bis heute nichts von dem erreicht habe, was ich erreichen wollte? Weil ICH dies „mit negativen Gedanken und Worten blockiere“?
Helene hielt es nach dem öffentlichen Neustart meines Blogs im März 2025 trotz konkreter Bitte über mehrere Wochen nicht mehr für nötig, meine ziemlich persönlichen Beiträge zu lesen oder sich zum Verhalten meiner „Kollegen“ zu äußern. Ich kritisierte sie per e-mail dafür. Worauf hin sie mir lebewohl wünschte. Und nie wieder in meinen Blog schaute. Sie hatte ihre Wahl schon lange vorher getroffen, indem sie weiterhin in den mich „gecancelt“ habenden Blogs kommentierte. Und sich auch kein einziges Mal schützend vor mich stellte. Danke. Für nichts.
Zurück zum Klagesponsor: Manchmal frage ich mich, ob er vielleicht meine „Frau im roten Kleid“ ist? Nein, er ist keine Transe. 😉 Ich meine die Szene aus Matrix, als Morpheus Neo in die Geheimnisse des Systems einweiht. Sie gehen über eine belebte Straße, als Neo sich kurz nach einer ihn anlächelnden Frau in einem roten Kleid umdreht. Morpheus spricht ihn an und bittet ihn, sich noch einmal umzudrehen. Plötzlich steht Agent Smith vor ihm und hält ihm eine Pistole an den Kopf.
Dieses Gefühl hatte ich oft im Leben. Und vor allem im Nachgang zur Corona-Zeit bzgl. vieler Menschen, welchen ich in diesen Jahren begegnete. Die Lektion für Neo lautete: Jeder kann sich jederzeit als Agent des Systems entpuppten. Ergo: Du darfst absolut niemandem vertrauen.
Und trotz all unserer politischen und philosophischen Differenzen habe ich es bis heute nicht geschafft, dass er mich einfach endgültig in die Wüste schickt und meinem Schicksal überlässt. So wie alle anderen es am Ende auch immer wieder getan haben.
Es geht also erst einmal weiter. Hier in Punxsutawney.